Gedenkort Güterbahnhof Moabit

 

Photos : raumlaborberlin

 

Beauftragt durch:

 

Bezirksamt Mitte von Berlin
Amt für Weiterbildung und Kultur Fachbereich Kunst und Kultur Programmleitung Stadtkultur und Kulturelle Bildung

vielen Dank für die Mitwirkung an Dr. Thomas Abel, Sabeth Schmidthals
und den Schüler der Theodor-Heuss-Schule und an den Vereinen:
Sie waren Nachbarn
Gleis 69

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Als Gewinner des Kunstwettbewerbs für das Gedenkortes Gütebahnhof Moabit wurde raumlabor mit der Realisierung beauftragt. Der Gedenkort wurde am 11 Juny 2017 eröffnet.

 

 

Der Ort

Wegsehen // radikaler Pragmatismus:

Der Besuch am ehemaligen Moabiter Güterbahnhof ist für uns zunächst
ein Schock. Ein gep asterter Weg zwischen Lidl und Hellweg, ein ab- gesenktes Stück verwilderte Wiese,
ein halb zugewachsenes Gleis. Eine unvollständig angelegte, nicht nach- vollziehbare Lindenallee. Hundekot. Direkt zum Weg gerichtet das große Schild „Hellweg – Ideen muss man haben“. Höllenweg. Der Ort wirkt wie die Inszenierung eines bitterbösen Kunstwerkes. Klarer, banaler, zynischer kann man das systematische Wegseh- en, welches genau an diesem Ort vor 75 Jahren stattgefunden, hat nicht reinszenieren. Die völlige Abwesenheit von Empathie macht betroffen, traurig und ratlos. Liest man hierzu noch die von Alfred Gottwald zusammengestell- ten Zeitzeugnisse, denkt man sofort an die von Hannah Arendt beschriebene Banalitäten des Bösen. 34 Transporte. Menschen, die aus der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße durch halb Moabit, bis zum Güterbahnhof Moabit getrieben wurden. Über 32 000 Mitbürger, Nachbarn, Freunde, mit Sternen gekennzeichnet, schikaniert von den SS-Truppen. Dass das vor

nur 75 Jahren an diesem Ort wirklich stattgefunden hat, ist heute auf eine Art unvorstellbar. Zweifel
Vielleicht sollte man diese traurige Prozession jedes Jahr zum Gedenken an einen der Transporte reinszenie- ren. Tausend Menschen, Freiwillige? Schüler? ziehen schweigend durch die Straßen zwischen dem Mahnmahl Le- vetzowstraße und dem Güterbahnhof? Am Ende stehen alle auf dem Hellweg zwischen Lidl und Baumarkt dicht gedrängt und ratlos. Zunächst sind

wir versucht die Trostlosigkeit dieses Ortes noch zu vertiefen, vielleicht eine Schranke aufzustellen, die den Depor- tationsweg zu jedem Jahrestag eines Deportationszugs versperrt. Doch Zweifel bringen uns immer wieder an den Ort zurück. Hier verstärkt sich un- ser Gefühl, dass ein Objekt an diesem Ort untergehen würde.

 

 

Alltag und Gedenken

Es gibt erstaunlich viel Alltagsleben hier: Spaziergänger, Hundebesitzer, Fahrradfahrer, Lidl-Kunden, die noch auf ein Bier auf der Mauer sitzen bleiben. Keiner scheint etwas von der Geschichte dieses Ortes Notiz zu neh- men. Im Alltag ist es ein merkwürdig suburbaner Raum, innere Peripherie. Der unter Denkmalschutz gestellte ge- p asterte Deportationsweg, der kleine erhaltene Teilabschnitt des Gleises 69 und die Spundwände der ehemaligen Bahnsteige (Militärrampe) sind die einzigen authentischen Elemente, die es einem ermöglichen, sich das Drama der Deportation an diesem Ort vorzus- tellen. Der Erhalt dieser Elemente als bauliches Denkmal aber macht nur Sinn, wenn ein Besucher diese Ele- mente als Zeugnisse des Deportations- bahnhofs begreifen kann. Dies wie- derum ist durch die Banalisierung der direkten Umgebung, durch Parkplätze, Baumarkt und die Art der Anbindung an die neu gebaute Umgehungsstraße fast unmöglich.

 

 

 

 

Entwurfskonzept

Sprachlosigkeit // Was soll der Ort erzählen?

Das Erschütternde, welches an diesem Ort stattgefunden hat, ist die Vertrei- bung von Mitmenschen aus der Zivili- sation. Das gewaltsame Verladen der Menschen in die Güterwaggons stellt einen letzten Schritt der Entmenschli- chung dar: Eine Vertreibung aus einer Zivilisation, die deshalb schon nicht mehr als solche bezeichnet werden kann, weil sie diese Vertreibung und Vernichtung ihrer Mitmenschen möglich macht. Wir schlagen vor, an diesem Ort kein Objekt zu installieren, welches die Aufmerksamkeit und Bedeutung
auf sich zieht, sondern den gesamten Ort mit seinen sich widersprechen-
den Zeitschichten besser lesbar und erlebbar zu machen. Verschiedenen Schichten der Vergangenheit überla- gern sich am ehemaligen Güterbahn- hof wie in einer unfertigen, aber halb verwilderten und halb überbauten Aus- grabungsstätte. In unserem Entwurf versuchen wir diesen Ort in seiner heutigen Absurdität zu akzeptieren,
die einzelnen Zeitschichten lesbar zu machen und dem Ort trotz all seiner Unwirtlichkeit so etwas wie Würde
zu geben. Hierzu schlagen wir drei Maßnahmen vor:

Deportationsweg und Gleis 69

Das bauliche Denkmal Deportations- weg Gleis 69 und Überreste der Mil- itärrampe wird von Vegetation befreit und durch eine klar ausgebildete Kante von der Rest äche, bis zur Ellen-Ep- stein-Straße getrennt. Hinter dieser Schwelle wird eine andere Zeitschicht sichtbar. Die in jüngster Vergangenheit gebaute, gep asterte Rampe und die

banalen Betonfertigteilstützwände, die das Geländeniveau zu den angren- zenden Parkplatz ächen vermitteln, bleiben erhalten. Diese Zeugnisse eines pragmatischen Umgangs mit einem historisch belasteten Ort haben aus unserer Sicht als Zeitschichten auch eine Bedeutung. Die Linden, die die als Ausgleichmaßnahme gep anzt wurden, werden entfernt.

 

 

 

Kiefernhain

Wir schlagen vor einen Hain von 24 Waldkiefern zu p anzen und das Gedenkfeld damit aus seiner Umge- bung heraus zu heben. Die Kiefern stehen dicht, mit den Jahren wachsen sie weit über die angrenzenden Baukörper hinaus. Es entstehen ein weithin sichtbarer klar de nierter Raum. Als deplatziertes Fragment eines Kiefernwaldes in diesem unwirtli- chen Kontext, entsteht eine Verbindung zu Landschaft. Genau wie das Frag- ment des Gleises 69 eine Verbindung zu den Orten der Ausgrenzung und Vernichtung herstellt, die noch heute als authentische Orte existieren.

 

 

Wachsendes Mahnmal

Gleichzeitig entsteht ein Schutzraum, ein Ort der sich absetzt, ein Raum in den man eintreten kann, mit einer ei- genen Atmosphäre, dem Geruch nach Wald, Nadeln und Zapfen. Ein Ort der über die Jahre an Qualität und Sicht- barkeit zunimmt. Die Kiefern werden mit einer Höhe von 5-7m gep anzt. Die Kronen Kiefern verbinden sich mit der Zeit zu einem lichten Dach. Nach 30 Jahren werden sie eine Höhe von 30-35m erreichen.

In den ersten 10 Jahren werden die Stämme bis zu einer Höhe von 4m durch einen Kalkanstrich geweißt. Es entsteht im Kontrast zur Umgebung eine Künstlichkeit die den Ort sichtbar macht. Die weißen Stämme wirken wie Grenzpfähle und verstärken den Eindruck ein Feld zu betreten und zu durchqueren. Ein weiterer wichtiger Aspekt eines wachsenden, lebend- en Mahnmals ist die Tatsache, dass es seine Gestalt verändert und auch P ege braucht. Die saisonal übliche gärtnerische P ege, die ohnehin an diesem Ort statt nden würde, wird Teil des Mahnmals und somit zu einer rituellen Handlung.

 

 

Informationstafeln Quitzowstraße und Ellen-Epstein-Straße

Bezug Mahnmal Levetzowstraße und Putlitzer Brücke: Wir sehen das von uns vorgeschlagene Mahnmal als eine Art Übersetzung oder Spiegelung des Mahnmals Levetzowstraße. Die von uns geschaffene Schwelle rahmt den au- thentischen Ort der Deportation, ohne den Einstieg in die Güterwagen erneut zu verbildlichen. Die Gedenkstätte Le- vetzowstraße bleibt für uns zentraler Gedenkort. Alle Elemente sprechen heute noch, jeder kann den massiv- en Waggon aus Marmor und Stahl in Gedanken mit auf den Weg zum Gü- terbahnhof nehmen. Die Au istung der Transporte und die in Stahl gegossenen Bilder der 32 Berliner Synagogen, all

das ist hier komprimiert. Analog zur Le- vetzowstraße schlagen wir die Position- ierung zweier Gedenktafeln aus Corten- stahl vor, je am ursprünglichen und am neu geschaffenen Zugang von der El- len-Epstein-Straße. Vorausgesetzt dass die genaue Ausgestaltung der Inhalte in Abstimmung mit dem Verein „Sie war- en Nachbarn“ und der Stiftung Topog- raphie des Terrors erarbeitet werden sollte, sehen wir als mögliche Inhalte für die Stahltafel an der Quitzowstraße einen Plan des Weges der Deportierten durch Moabit zum Güterbahnhof, ein Zi- tat eines Zeitzeugen und eine Beschrei- bung der Deportationen.

Für die Stahltafel an der Ellen-Ep- stein-Straße schlagen wir eine Besch- reibung des Umbaus des Güterbahn-

hofes zum Gewerbegebiet sowie einen Grundriss der ursprünglichen Gleisan- lage vor. Auch hier fänden wir die Präsenz eines Zitates eines Zeitzeugen wichtig, da diese Perspektive noch an keinem der Gedenkorte zu Judende- portation in Moabit vorkommt. Ähnlich wie die Reste der Militärrampe und die ausgegrabenen Schienen sind die Zi- tate authentische Spuren, die den Be- suchern einen direkte Verbindung mit dem Ort ermöglichen. Außerdem sollte ein Verweis auf den Gedenkort Levet- zowstraße vorhanden sein. Von der von Volkmar Haase errichteten Skulptur auf der Putlitzbrücke wird der Kiefernhain und damit die Position des Deportation- sweg gut sichtbar sein.